Blog-Interview

Ein Gespräch zwischen Alkis Kurul, Vertriebsexperte, und Joachim Studt, Wirtschaftspsychologe und Personalstratege

Joachim Studt, Wirtschaftspsychologe, Personalstratege

Immer wieder spreche ich mit Coaches und Beratern, die sich in einem Dilemma wiederfinden: Sie sind oft als Freelancer unterwegs, machen alles selbst – Akquise, Beratung, Verwaltung, Marketing. KI kann ihnen helfen, deutlich effizienter zu arbeiten. Aber gleichzeitig ist ihr Kapital die eigene Person, ihre Expertise, ihre Handschrift im Gespräch mit dem Kunden. Und genau die wollen sie sich durch den KI-Einsatz natürlich nicht verwässern. Wie beides zusammengeht, darüber habe ich mit Joachim gesprochen. Er ist Wirtschaftspsychologe und Personalstratege und berät Unternehmen bei Transformationsprozessen. Ein Konzept, das ihn dabei aktuell besonders beschäftigt, hat er im Gepäck: den Centaur Professional.

Zwischen Effizienzgewinn und persönlicher Expertise

Alkis: Joachim, in meiner Arbeit mit dem Nachfrage-Generator (Demand Generation Engine) und CRM-Systemen begleite ich auch immer wieder Coaches und Berater. Viele von ihnen arbeiten als Freelancer und machen alles selbst. Sie wollen KI einsetzen, um effizienter zu werden – aber ihr Kapital ist die eigene Person mit ihrer Expertise, die sie sich durch KI nicht verwässern wollen. Wie gehst du mit dieser Spannung um?

Joachim: Berechtigt, weil natürlich KI als Agent durchaus die eigene Professionalität, Authentizität und damit Souveränität zu „korrumpieren“ droht. Richtig verstanden, geht es jedoch nicht darum, die eigene Expertise durch KI zu ersetzen, sondern Verantwortung sozusagen kunstvoll zu verteilen und KI vor allem für die zeitraubenden administrativen Tätigkeiten einzusetzen, die keine spezielle Expertise brauchen. In einem CRM-System kann KI zum Beispiel die Kommunikation übernehmen, also E-Mails entwerfen, Gesprächsnotizen zusammenfassen, Follow-ups formulieren und die Tonalität anpassen. Sie kann eingehende Anfragen analysieren, kategorisieren und zuständig zuordnen, Workflows automatisch abarbeiten oder über AI Coding individuelle Funktionen wie eine Rabattberechnung oder eine automatische Feldbefüllung entwickeln. Genau das sind die Tätigkeiten, in denen ein Coach, eine Coachin sonst ihre wertvollste Zeit verbrennen. Aber – und das ist der entscheidende Punkt – das sind kontrollierte, vordefinierte Automatisierungen, kein autonomer Agent. Die Ergebnisse sind in der Regel Entwürfe. Gerade bei externen Nachrichten und geschäftlich relevanten Entscheidungen – wie natürlich im zwischenmenschlichen Kontakt von Berater zu Klient – bleiben menschliche Prüfung und Freigabe unverzichtbar. Da liegt ja gerade die unabdingbar menschliche Kompetenz, die keine KI ersetzt. Die Expertise bleibt also beim Menschen, die Routine bei der Maschine. Genau hier beginnt auch das, was ich unter Human-in-the-loop verstehe.

Alkis: Human-in-the-loop – ein Begriff, der oft fällt, aber selten konkret wird. Wie würdest du ihn für Coaches und Berater übersetzen?

Joachim: Ganz einfach: Der Mensch bleibt in der Führung, wortwörtlich in der „Schleife“, also auch in der Verantwortung. KI unterstützt bei Analyse, Strukturierung, Mustererkennung und Dokumentation. Da hat sie eben auch das größte Potenzial. Der Mensch bringt Erfahrung, Intuition, Empathie, Werteverständnis und Verantwortungsbewusstsein ein. Entscheidungen dürfen daher auch nicht blind an ein System delegiert werden. Genau das beschreibt das Konzept des Centaur Professional, mit dem ich mich seit geraumer Zeit intensiv auseinandersetze. Die Metapher stammt aus dem Schach: Dort gewann jahrzehntelang die Kombination aus Mensch und Computer gegen beide einzeln. Übertragen auf unseren Beruf bedeutet das: Die KI ersetzt den Berater nicht, das kann sie auch gar nicht, sondern sie erweitert seine Analyse-, Reflexions- und Entscheidungsfähigkeit. Der Centaur Professional kombiniert unveräußerlich menschliche Fähigkeiten wie Urteilsvermögen, Kreativität, Intuition und Kontextverständnis systematisch mit KI-Unterstützung, den programmierten, hergeleiteten Daten und Informationen – und behält trotzdem die Verantwortung für Entscheidungen und Ergebnisse. Wer so arbeitet, verwässert seine Expertise nicht. Er schärft sie, weil er die freigewordene Zeit in das investiert, was nur er oder sie leisten kann.

Beim Einsatz von KI geht es immer um Tools und Prompting – aber was ist wirklich wichtig für den Erfolg (Foto: Matheus Bertelli)

Mehr als Prompting: Der systematische Ansatz

Alkis: Viele KI-Weiterbildungen drehen sich nur um Tools und gutes Prompting. Was unterscheidet den Centaur-Ansatz davon?

Joachim: Das ist genau der Punkt, der mich überzeugt hat. Viele Weiterbildungen lehren einzelne KI-Tricks. Der Centaur Professional verfolgt dagegen einen durchgängigen Prozess: Zunächst wird das Ziel geklärt, dann werden die Ausgangssituation geprüft, Werttreiber identifiziert, das Projekt oder die Organisation analysiert, leistungsbeeinflussende Faktoren untersucht und schließlich die Ergebnisse nachverfolgt. Das beginnt schon bei der Zieldefinition: Was genau soll erreicht werden? Woran lässt sich der Erfolg messen? Welcher Ausgangswert liegt vor, welcher Zielwert wird angestrebt, welche Quelle belegt das Ergebnis? Gerade wir Wirtschaftspsychologen und Organisationsentwickler kennen das Problem: Unsere Wirkung ist häufig schwer greifbar. Ein Ansatz, der Ziele, Kennzahlen und Nachweise konsequent verlangt und das Gelernte sofort in Fallstudien aus der eigenen Praxis dokumentiert, ist dafür ein echter Fortschritt. Das ist keine Toolschulung, das ist Methodik. Und im Übrigen zunehmend gefordert bei Unternehmens-Entscheidern. Im besten Fall bietet ein Coaching so auch die Simulations-Plattform für Verhaltensweisen, die sich nicht unmittelbar und schadlos im Alltag anwenden lassen.

Alkis: Du berätst Unternehmen in Transformationen. Hast du ein Beispiel, bei dem diese Kombination aus Mensch und KI gerade dringend nötig ist?

Joachim: Schau dir die Automobilindustrie an. Dort müssen aktuell viele hochqualifizierte Kräfte gehen – Ingenieure, Projektleiter, Spezialisten mit Jahrzehnten an Erfahrung. Ein erheblicher Teil von ihnen sucht jetzt einen neuen Weg als Berater oder Coach. Das ist ein wunderbarer, Expertise-getragener Neuanfang, aber auch eine harte Realität: Plötzlich sind sie Solo-Selbstständige. Sie werden lernen, sich selbst zu vermarkten, Leads zu generieren, ihr CRM nicht nur als Adressbuch zu nutzen, sondern professionell – Dinge, die sie in ihrer Festanstellung nie brauchten. Und sie werden das mit den Mitteln von heute tun, oft ohne Team im Rücken. Wer hier ohne KI arbeitet, ertrinkt im administrativen Kleinkram. Wer aber die KI blind arbeiten lässt, verspielt genau die persönliche Souveränität, die ihn zum Berater macht. Diese Menschen müssten zwangsläufig als Centaur Professional agieren: die eigene Erfahrung als Fundament, die KI als Hebel für alles, was keine individuelle Expertise erfordert.

Alkis: Bleiben wir beim Thema Transformation. Du sagst, das Centaur-Professional-Modell spielt nicht nur für die Berater selbst eine Rolle, sondern auch wiederum bei deren Kunden?

Joachim: Absolut, und das wird oft übersehen. Dr. Herbert J. Kellner, der den Begriff des Centaur Professional in seinem frisch erschienenen Buch eingeführt hat, leitet ihn zwar vom Mischwesen der Mythologie her – aber tatsächlich ist er als ein professionelles Selbstverständnis zu verstehen, das menschliche Intelligenz und KI orchestriert. Für uns in der Praxis bedeutet das: Wir müssen Mitarbeitenden auf allen Ebenen helfen, eine neue Balance zu finden. Es reicht nicht, zu wissen, wie man KI bedient. Es muss klar sein, was delegiert wird und welche Verantwortung zwingend menschlich bleibt. Das Buch liefert dafür ein Kompetenzmodell, das weit über reine Anwendungskenntnisse hinausgeht. Und das wird konkret, wenn man in ein Unternehmen schaut, das sich mitten in der Transformation befindet. Dort treffen wir nach transformationsbedingten Entlassungen auf genau zwei Gruppen: die, die gehen mussten – und die, die geblieben sind. Die Verbliebenen stehen unter enormem Druck: Dasselbe Ergebnis mit weniger Leuten. Das geht nur, wenn diese Mitarbeitenden KI optimal einsetzen können – Anfragen schneller analysieren, Prozesse automatisiert abarbeiten, Entwürfe prüfen und freigeben, statt alles von Hand zu machen. Der Berater, der selbst als Centaur Professional arbeitet, kann genau diese Balance vermitteln, weil er sie täglich in seinem eigenen Business lebt. Man berät zu einer Arbeitsweise, die man selbst verkörpert – das ist ein gewaltiger Vertrauensvorsprung.

Alkis: Für viele Coaches und Berater heißt das: erst mal an der eigenen KI-Kompetenz arbeiten. Warum ist das gerade für Freelancer so entscheidend?

Joachim: Weil ein Freelancer keine Eskalationsebenen hat. Im Unternehmen verteilt sich Verantwortung auf viele Schultern; wer allein arbeitet, trägt dagegen jede Entscheidung selbst. Das gilt in beide Richtungen. Zum einen hat der Freelancer schlicht keine personellen Reserven: Ohne KI-Unterstützung in Verwaltung, Kommunikation und Prozessautomatisierung arbeitet er dauerhaft unter seiner Kapazitätsgrenze – Zeit, die dann in der Beratung und beim Kunden fehlt. Zum anderen schützt ihn die Centaur-Disziplin vor dem größten Risiko seiner Branche: dem Reputationsverlust. Ein fehlerhafter, ungeprüfter KI-Entwurf, der an einen Kunden geht, beschädigt genau das, worauf die Existenz der Anbieter beruht: die persönliche Glaubwürdigkeit ihrer Expertise. Die bewusste Arbeitsteilung – KI strukturiert und entwirft, der Mensch prüft, entscheidet und verantwortet – ist für Solo-Selbstständige also kein Nice-to-have, sondern ein Geschäftsmodell-Prinzip. Wer das beherrscht, arbeitet nicht nur effizienter, sondern kann seinen Kunden in der Transformation genau die Sicherheiten geben, nach denen sie suchen. Vorrangig bedeutet das aber, die Integration von menschlicher und künstlicher Intelligenz zunächst für sich selbst zu vollziehen: was gehört unveräußerlich zu mir, was ist die Domäne der KI.

Alkis: Du hattest das Buch von Kellner schon erwähnt. Was macht es für Coaches und Berater so lesenswert?

Joachim: Dr. Herbert J. Kellner hat es gerade frisch vorgelegt, und ich empfehle es jedem Coach, Trainer und Berater, der sich ernsthaft mit dieser Frage auseinandersetzt. Es beschreibt genau diese Verzahnung von menschlicher Urteilskraft, systematischer Methodik und KI-Unterstützung – vom Ziel über die Intervention bis zur Wirkungskontrolle, inklusive eines Kompetenzmodells, das weit über reine Anwendungskenntnisse hinausgeht. Für alle, die in der Beratung von Transformationsprozessen stehen, ist es praktische Pflichtlektüre.

Alkis: Vielen Dank, Joachim, für diese Einordnung. Ich nehme für mich mit: KI ist der Hebel für die Routine, aber die Expertise und die Verantwortung bleiben beim Menschen. Und genau deshalb ist der KI-Einsatz in Demand Generation und CRM-Systemen nie ein reines Technikthema – sondern immer auch ein Professionalisierungsprojekt. Wenn du dich als Coach oder Berater fragst, wie du den Nachfrage-Generator in deinem eigenen Business menschlich sinnvoll und datensouverän aufsetzt, lass uns gerne darüber sprechen.



Joachim Studt ist ein deutscher Wirtschaftspsychologe, Trainer, Business Coach und HR-Berater aus Wiesbaden. Er ist Gründer und Inhaber des Beratungsunternehmens equipe® Personalqualität und fungiert als Präsident des WiPs e.V. (Verband zur Förderung der Wirtschaftspsychologie). Als Assoc.Prof. for Management der United States Online University schließlich ist er Executive Director European Network und damit zuständiger Ansprechpartner der USOU in Deutschland.

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